Freitag, 26. März 2010

Annas Werk

Zuerst kamen immer die Farben. Erst dann die Menschen. Bei ihr war es anders gewesen. Sie war der Regenbogen. Jede Bewegung, jedes Lächeln. Als ich sie das erste Mal gesehen habe, sah ich die Farben aus ihr hinausströmen, pulsieren. Ein Leben voller Farben. Falls ich es vergessen habe: Ich liebe Farben.

Der Saal war so groß und die Stille war erdrückend. Ich wusste nicht, was sagen. Ich hatte dem Anwalt nicht zugehört, als er mir eine Frage gestellt hatte. Eine Frage, die allen unter den Fingernägeln brannte. Ich sah es in allen Augen um mich herum. Plötzlich die Stimme, so unerwartet, gleich neben meinem Ohr:
„Du kannst mir nicht entwischen.“
Ich zuckte zusammen und kniff meine Augen zusammen.
„Du bist nicht hier, du bist nicht echt“, flüsterte ich. Meine Sicherheit wankte.
„Mach dir keine Mühe. Ich bin ein Teil von dir. Du sagst mir immer wieder, dass du es alleine schaffst, aber da sehe ich keinen Weg.“
Sein Gesicht verzog sich zu einer höhnender Fratze.
Ich kann den Schmerz in deinen Augen sehen, du wirst daran zerbrechen. Ich meine ... du hast sie ja umgebracht, oder nicht?“
Ich öffnete meine Augen und blickte auf. Und dort oben saß er neben dem Richter. Stumm formten seine Lippen ein Wort
Mörder.
„Ich wollte es nicht!“, schrie ich verzweifelt.
„Ich bitte sie ihren Ton zu mäßigen“, verlangte der Richter mit hochgezogenen Augenbrauen.
Und neben dem Richter saß er. Sein Mund war zu einem Lachen verzogen.
„Sei still“, schrie ich von Sinnen und sprang auf, doch ein Sicherheitsmann hielt mich sofort fest und drückte mich zurück auf den Stuhl. Mein Anwalt war sichtlich verwirrt.
Ich bin nicht gebrochen.“ Meine Stimme war so leise, die Dunkelheit kroch langsam in mir hoch. „Nur ein Mann mit einem gebrochenen Herz.
Er lächelte.
In dem Moment, als das Lächeln von seinen Lippen glitt, fühlte ich etwas anderes. Genauer gesagt, jemand anderen. Ich fühlte mich beobachtet, kein Zweifel. Das Gefühl war überall, auf meiner Haut, doch vor allem in mir drin, und es bestätigte sich, als ich es wagte, mich dem Publikum zuzuwenden. Inmitten der stummen Menge saß eine Gestalt.
Meine Lippen zitterten. Dunkelheit umfing mich. Ich war mir nicht sicher ob ich oder er es aussprach.
„Angie.“
Schwärze.

„Komm schon Angie.“
„Lass mich in Ruhe.“ Ihre Stimme war schneidend. Ich packte ihren Arm, doch sie riss sich los.
„Es geht einfach nicht. Ich kann das nicht.“ Sie fuhr mit ihrer Hand durchs Haar, alles war weinrot, alles. Für die meisten war Rot die Farbe der Wut. Doch für mich ist es die Farbe des Verlierens.
Er stand neben ihr und sah uns genüsslich zu. Er gefiel im sichtlich mich mit seinen Mienenspiel zu verwirren und sie jedes Mal nachzuäffen. Und ich hasste ihn dafür, dafür dass er ihre Farben mit Schlamm bespritzte, sie beschmutzte.
Es schien als ob es ein Streit wie jeder andere werden würde, doch in meinem Bauch ballte sich einen blassblauen Knollen des Unwohlseins zusammen und wurde grösser, mit jedem Wort das aus ihrem – seinem? – Mund schwappte.
„Ich sehe keine Zukunft mehr für uns, immer diese Hirngespinste, von denen du erzählst, die es aber gar nicht gibt. Das sind Wahnvorstellungen, verdammt! Ich weiß nicht, wie du das schaffst.“
Ich konnte nicht mehr unterscheiden, wer gesprochen hatte. Alles drehte sich. Die Farben schienen sich zu vermischen, ineinander zu gleiten, auseinander zu reißen, während er seelenruhig neben mit und sie aufgewühlt vor mir standen.
„Lasst mich alle in Ruhe!“, brüllte ich.
Sie sah zu mir hinauf, in ihrem Gesicht vermischten sich Angst und Resignation. Ein Schuss Melancholie. Trauer. Eine schmutzig-gelbe Träne rollte über ihre Wange. Jenes Gelb, das man immer dann sieht wenn man weiß, dass man hauchdünn von der Möglichkeit entfernt ist, etwas zu verlieren. Das Gelb, von dem man hofft es nie zu sehen zu bekommen.
„Nein, ich glaube, es ist besser, ich lasse dich in Ruhe. Für immer.“
„Nein!“, quoll es aus mir heraus, ungläubig und jetzt stand er ganz dicht bei mir.
„Doch“, sie lächelte ein dünnes Lächeln, das ihren Mund zu zerritzen schien. Zartbitterschokoladen-Braun. „Man kann nicht sagen wir hätten es nicht versucht. Aber ... ich denke es ist Zeit, dass wir auf Wiedersehen sagen. Ich liebe dich immer noch, vergiss das nicht. Doch erinnere dich an all die Nächten, in denen wir weinten. An all die Träume, an denen wir so lange festgehalten haben. Doch jetzt hat sich das alles in Rauch verwandelt. Diese Distanz zwischen und all diese Angst und Unsicherheit in mir, ich kann das nicht aushalten.
Sie weinte jetzt wirklich. Ich sah nur sie, alle Farben, doch spüren tat ich nur ihn, so nah, zum Greifen nah. Ich spürte seinen Zorn, meinen Zorn. Alles verschwamm.
Du ... du bist wunderschön. Ich liebe dich wirklich. Doch es wird Zeit für mich zu gehen. Machs gut.
Sie sah mir noch ein letztes Mal in die Augen. Und da fuhr er in mich hinein, füllte mich aus, ich dachte nicht mehr nach, alles war.
Eisblau.
Die Kälte war tödlich. Mein Hirn schien wie gefroren zu sein, als das Messer durch ihren zarten Körper hinabstiess. Meine Finger schlossen sich um ihren Mund; kein Schrei würde ein menschliches Ohr erreichen. Doch ich hörte trotzdem etwas. Ihn.
Nur der Schreck, diese Stimme zu hören, konnte mir die Kraft gegeben haben, mich zu umzudrehen. Ihr Körper fiel leblos zu Boden, genauso wie die Unschuld und Reue in mir. Grelles Weiß erfüllte mich. Da vor mir stand er.
„Das muss verbrennt werden.“
Sein Finger zeigte auf den leblosen Körper.

Die Hitze war stark genug, um mich zu wärmen, als ich bei dem Körper stand. Ich griff mit der Hand hinein und wurde gebissen, doch lies sie auf ihrer Wange ruhen.
„Vergib mir.“ Doch es hörte sich hohl an, wie in einer alten Telenova. Das Weiß bekam einen grauen Stich.
Plötzlich stieg mir der Gestank von verbranntem Fleisch in die Nase. Da war aber noch ein anderes Problem. Der Rauch.

Das Feuer hatte nicht lange genug gebrannt, um den Körper groß zu zerfressen. Wie immer ich es bewerkstelligt haben mochte, da lag sie nun, zusammengekauert in lodernden Flammen und Aschenflocken. Mein Dornröschen. Graues Dornröschen.
Er stand da und sah mit einer Miene, die man fast als traurig bezeichnen könnte, an.
„Schade um sie.“
Ich sah auf. Und erst jetzt sah ich, dass er aus purem Nichts bestand. Als ob dort ein großes Loch wäre. Als ob dort ... nichts wäre. Und da war auch nichts. Ich war allein. Alles ... mein Begehen. Alles meine Schuld.

Ich sah auf Angie hinab. Suchte die Farben. Meine Augen fanden nur Grau. Ich suchte nach Farben. Mein Herz war nur grau. Die Flammen züngelten, doch sie waren grau. Ihr Schein war hell, doch er war grau. Mehr und mehr.
Grau.
„Angie?“
Sie lag immer noch da, mit geschlossenen Lippen. Kein Öllampen-Gelb, kein regenbespritztes Blattgrün, kein Bersteingelb, kein Dämmerungs-Blau. Angie war grau. Ich schrie wie ein verwundetes Tier.
„Angie!“

Als die Polizisten an jenem Abend den jungen Mann fanden, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Der Mann, nicht älter als Mitte zwanzig, wehrte sich nicht. Willenlos lies er sich abführen. Er blickte ein letztes Mal zum Körper zurück den die Männer versuchten von den Flammen zu bewahren. Seine Miene war blank.
Seine Augen.
Schwarz.

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Kurz zusammen gefasst sind das hier die Quellen, die ich für meinen Text benutzt habe, nach Relevanz absteigend geordnet.

Die Bücherdiebin – Markus Zusak (Seiten: 133/134/135/136; freie Dekontextualisierung, Grundidee: Farben als wichtiges Wahrnehmungsmittel)

Angie – The Rolling Stones (freie Übersetzung: längste Rede von Angie, Name der Ermordeten)

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – J.K. Rowling (Seiten: 378/379/380; freie Dekontextualisierung)

Everybody’s Changing – Keane (freie Übersetzung: „ Du sagst mir immer wieder, dass du es alleine schaffst, aber da sehe ich keinen Weg.// Ich kann den Schmerz in deinen Augen sehen, du wirst daran zerbrechen.“)

The Man Who Can’t Be Moved – The Script (freie Übersetzung: „Ich bin nicht gebrochen.“// „Nur ein Mann mit einem gebrochenen Herzen.“)

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